Sturzprävention im Alter

Stürze sind teuer und verursachen grosses Leid

Laut der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) ist ein Sturz im Alter oft gleichbedeutend mit einer Einbusse an Lebensqualität und geht im schlimmsten Fall mit dem Verlust der Selbstständigkeit einher. Die Konsequenzen eines Sturzereignisses tragen daher neben den Betroffenen selbst oft auch die Angehörigen, und die Belastung im Alltag steigt bei allen Beteiligten.

Neben den körperlich-organischen Folgen leiden bis zu 70 Prozent der Gestürzten an der Angst vor weiteren Stürzen und den damit einhergehenden Einschränkungen ihrer Alltagsaktivitäten. Weniger Aktivität bedeutet in der Regel aber auch weniger Bewegung und folglich weniger Training von Kraft und Gleichgewicht. Ein Teufelskreis beginnt, welcher Stand- und Gangsicherheit weiter abbaut. Stürze und ihre Folgen verursachen zudem hohe Kosten: Allein die Spitalkosten und übrigen Heilungskosten nach Sturzunfällen bei älteren Menschen betragen in der Schweiz pro Jahr 470 Millionen Franken. Die weiteren materiellen Kosten werden auf gesamthaft 1.7 Milliarden Franken geschätzt. Im Kanton St.Gallen liegen die Kosten bei ca. 29 Millionen Franken für die Spital- und Heilkosten und ca. 106 Millionen Franken pro Jahr für zusätzliche materielle Kosten.

Zielgruppe schwierig zu erreichen

Der demographische Wandel führt zu einem kontinuierlichen Anstieg des Anteils älterer Menschen in der Gesellschaft. 2018 betrug der Bevölkerungsanteil der über 65-Jährigen im Kanton St.Gallen 18,3 Prozent – im Vergleich dazu waren es 2010 noch 16,1 Prozent. Neben dem Anstieg des prozentualen Anteils der älteren Bevölkerung haben sich auch die gesellschaftlichen Vorstellungen über das Älterwerden verändert: Bei den über 65-Jährigen möchten sich viele noch nicht mit dem Thema «Alter und Gebrechlichkeit» befassen. Befragungen zeigen, dass der Wunsch, so lange wie möglich selbständig zu bleiben und zu Hause wohnen zu können, für ältere Menschen in der Schweiz höchste Priorität hat. Ein Sturz wird daher oft bagatellisiert und die Hintergründe, die zum Sturzereignis geführt haben, nicht weiter ausgelotet. Viele Betroffene zählen sich selber nicht zur Risikogruppe.

Der Körper im Wandel

Mit zunehmendem Alter steigt jedoch das Sturzrisiko. Grundsätzlich verändern sich mit den Jahren die körperlichen und geistigen Bedingungen. Bereits nach dem dritten Lebensjahrzehnt werden die Muskeln schwächer und die Muskelmasse, die Knochendichte sowie die Elastizität von Sehnen und Bändern nimmt ab. Allgemein ist bekannt, dass neben Kraft und Beweglichkeit auch die Gleichgewichtskontrolle und das Reaktionsvermögen abnehmen. Beispielsweise reichen Reaktionsvermögen und Beinkraft beim Stolpern auf unebenem Untergrund plötzlich nicht mehr, um sich aufzufangen.

Gleichzeitig nimmt im Alter die Zahl von chronischen Erkrankungen sowie Seh- und Hörbeeinträchtigungen zu. Die Wahrnehmung über die Sinne ermöglicht Orientierung im Raum und schafft damit Sicherheit. Bei verminderter Wahrnehmung über die Augen, das Gehör sowie über den Tastsinn oder den Stellungssinn der Gelenke kann das Gehen oder Stehen bei fehlendem Training unsicherer werden.

Ein solcher Abbau auf mehreren Ebenen lässt das Sturzrisiko in die Höhe schnellen. Somit erstaunt es kaum, dass im Kanton St.Gallen 22% der über 65-Jährigen angibt, mindestens einmal pro Jahr zu stürzen und sich dabei ca. 5'500 Personen verletzen.

In Kombination mit den altersbedingten körperlichen Veränderungen spielen weitere Faktoren wie riskantes Verhalten, die Einnahme von Medikamenten und/oder Alkohol oder umweltbezogene Risikofaktoren (z.B. Stolpergefahren in der eigenen Wohnung, fehlender Handlauf, rutschiger Boden usw.) eine wichtige Rolle. Im hohen Alter kommen oft eine Mangelernährung und Vitamin D-Mangel) hinzu, was die Stabilität in den Knochen ebenfalls negativ verändert.

Sturzprävention ist wirksam

Vorbeugende Massnahmen sind ein Schlüssel, um das Sturzrisiko nachweislich zu senken, Selbständigkeit möglichst lange erhalten zu können und die eigene Lebensqualität zu verbessern. Die Sturzprävention kann dabei auf drei unterschiedlichen Ebenen ansetzen.

  • Zum einen können die Betroffenen selber dazu beitragen, ihr Sturzrisiko zu senken – beispielsweise mit einem adäquaten Kraft- und Gleichgewichtstraining. Regelmässige Beanspruchung der Muskulatur, ein gezieltes Training in Kombination mit kognitiven Aufgaben und die Förderung der Wahrnehmung können die Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter aufrechterhalten oder sogar verbessern. Dank dem ständigen Wiederaufbau im menschlichen Körper ist es auch im Alter möglich, seinem Körper und Geist durch Bewegung zu Frische, Kraft, Beweglichkeit und Balance zu verhelfen.
  • Die zweite Ebene, auf der Sturzprävention ansetzt, ist die Anpassung des eigenen Verhaltens: die eigene Risikobereitschaft senken, Medikation überprüfen lassen, Sehschwäche korrigieren, auf eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Vitaminen und Mineralstoffen achten.
  • Die dritte Ebene umfasst umweltbezogene Anpassungen, die jede und jeder selber in die Wege leiten kann und die eine starke Reduktion des Sturzrisikos herbeiführen: Das Entfernen von Stolperfallen (z.B. lose Kabel, aufstehende Teppichränder) oder eine optimale Beleuchtung im Wohnraum können dabei genauso wesentlich sein wie die Anpassung der allgemeinen Infrastruktur durch sichere Treppen und das Montieren eines Handlaufs. Im öffentlichen Raum reduzieren barrierefreie Zugänge zu Einkaufszentren und Restaurants oder die Verwendung von gleitfesten Bodenbelägen auf Gehwegen das Sturzrisiko der älteren Bevölkerung.

Abgesehen von den erwähnten Präventionsansätzen ist die Zusammenarbeit der verschiedenen beteiligten Akteure unabdingbar für den Erfolg der Sturzprävention. Da die Ursachen von Stürzen komplex und vielseitig sind, ist es besonders wichtig, dass die Akteure der Versorgung für die Problematik sensibilisiert sind, eine fundierte Abklärungen beim Hausarzt stattfindet und alle Beteiligten reibungslos zusammenarbeiten. So können frühzeitig passende, individuelle Lösungen aufgegleist werden. Das nationale Projekt «StoppSturz» hat genau dieses Ziel. Weitere Informationen zu den kantonalen Massnahmen finden Sie nachfolgend im Exkurs.

StoppSturz und Sturzprävention:

Bild: © Gesundheitsförderung Schweiz / Peter Tillessen

Exkurs:

«StoppSturz»: Gemeinsam Stürze verhindern und Folgen davon lindern

Das Projekt «StoppSturz» richtet sich an medizinische und nicht-medizinische Fachpersonen in der Gesundheitsversorgung. Der Fokus liegt auf der Risikogruppe der über 65-Jährigen, insbesondere bei bereits gestürzten Personen sowie Personen, die unter mehreren chronischen Krankheiten leiden. Diese haben ein erhöhtes Risiko, erneut zu stürzen. Ziel des Projekts ist, die Fachpersonen für die Thematik der Sturzprävention zu sensibilisieren, um Personen mit erhöhtem Risiko frühzeitig zu erkennen, abzuklären sowie adäquat und nachhaltig zu behandeln. Dazu gehört auch, sie angemessenen therapeutischen-pflegerischen und präventiven Massnahmen zuzuführen. Fachkenntnisse und Fähigkeiten der Fachpersonen sollen gestärkt und Strukturen und Abläufe entlang der gesamten Versorgungskette optimiert werden.

«StoppSturz» schafft unter dem Vorsitz des Kantons St.Gallen Voraussetzungen, um Verletzungen und Todesfälle durch Stürze bei Personen über 65 Jahren mit erhöhtem Risiko zu reduzieren und damit auch die sturzbedingten Gesundheitskosten zu senken. Den Auftrag für das Projekt hat das Amt für Gesundheitsvorsorge des Kantons St.Gallen im Rahmen der ersten Projektförderrunde «Prävention in der Gesundheitsversorgung» der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz erhalten.

Ganzheitliche Zusammenarbeit der Fachpersonen für eine erfolgreiche Sturzprävention

Neben Instrumenten der Sturzprävention im Versorgungssystem, die sich in früheren Pilotprojekten bereits bewährt haben, werden in den folgenden zusätzlichen Teilprojekten neue Interventionspakete entwickelt:

  • «Apotheken»
  • «Spitalaustritt»
  • «Medizinische Praxis-Assistentinnen MPA und Medizinische Praxis-Koordinatorinnen MPK»
  • «Aufsuchende Sturzberatung»

Die genannten Teilprojekte zielen auf eine bessere Erkennung von schwer erreichbaren Personen mit erhöhtem Sturzrisiko und entwickeln niederschwellige Zugänge, die in der Folge pilotiert und eingeführt werden.

Dabei spielen verschiedene Akteure und deren interprofessionelle Zusammenarbeit auf kantonaler und regionaler Ebene eine wichtige Rolle. In der Gesundheitsversorgung sind dies insbesondere die Ärzteschaft (Haus- und Fachärzteschaft), Spitex, Physiotherapie, Ergotherapie, Spitäler und geriatrische Zentren; seitens zivilgesellschaftlicher Organisationen sind es Pro Senectute, Rheumaliga, Schweizerisches Rotes Kreuz, bfu und weitere. In Anbetracht der vielen Akteure ist ein interdisziplinärer Ansatz unabdingbar. Sturzprävention für Menschen mit erhöhten Risiken soll möglichst systematisch und flächendeckend entlang der gesamten Versorgungskette umgesetzt werden – hin zu einer koordinierten und integrierten Versorgung, bei der die beteiligten Akteure in der Versorgung untereinander insbesondere regional/lokal vernetzt sind und Hand in Hand zusammenarbeiten.

www.stoppsturz.ch

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